Eigentlich wollte ich den Abend ruhig angehen, doch als Derya schrieb, dass die Indie-Band im alten Kino am Kotti spiele, war’s um mich geschehen.
Schnell die Jacke übergeworfen, das Ticket digital nachgeladen, und ab in die U-Bahn, die ausgerechnet heute im Schneckentempo fuhr.
Am Eingang schon die erste Aufregung: ausverkauft, sagte der Security, doch Derya winkte von drinnen und drückte mir ein Bändchen in die Hand.
Drinnen roch es nach nasser Wolle und Popcorn, eine Mischung, die seltsam tröstlich wirkte.
Die Vorband, die niemand auf dem Zettel hatte, traf mit lakonischen Texten derart ins Schwarze, dass das Gemurmel verstummte.
Ich stand hinter einer Säule, von der aus man die Bühne nur halb sah, und merkte, wie die Zeit im Nacken saß: Wäre ich früher los, stünde ich jetzt vorn.
Dann das Licht aus, ein Akkord wie ein Aufbruch, und plötzlich war alles andere nebensächlich.
Derya, die sonst bei Konzerten am liebsten still hört, schrie mir ins Ohr, dass die neue Single live viel roher klinge, und hatte recht.
Als der Sänger erzählte, er habe den Song im Nachtbus geschrieben, war das vielleicht kokett, aber das Publikum fraß ihm aus der Hand.
Bei der Zugabe hoben Fremde mich für einen Takt über die Köpfe, ich lachte, obwohl mir die Angst in den Knien saß.
Nach dem letzten Akkord standen wir noch ewig im Foyer, klebten an den Plastikbechern, und ich wusste: Dieser Abend, so improvisiert er begonnen hatte, würde mich noch tagelang begleiten.
Auf dem Heimweg dachte ich, man wird nicht jünger, aber wenn ein Konzert so mitten ins Leben greift, vergisst man die Uhr.